Inklusion ist für mich kein Zusatzprogramm, sondern eine Haltung, die sich im Alltag jeder Unterrichtsstunde widerspiegeln muss. Aus meiner Praxis als Lehrerin weiss ich: Kleine, gut überlegte Anpassungen können grosse Wirkung entfalten. Hier teile ich 6 sofort umsetzbare Anpassungen, die Sie in der nächsten Lektion ausprobieren können — praxisnah, flexibel und ohne grossen Vorbereitungsaufwand.

Flexibles Aufgabenformat: mehrere Zugänge anbieten

Eine Aufgabe kann auf unterschiedlichen Wegen gelöst werden. Ich biete Aufgaben häufig in drei Formaten an: visuell (Bild/Graphik), schriftlich (kurzer Text) und auditiv/munter (mündliche Erklärung oder Audioaufnahme). So wählen Schülerinnen und Schüler den Zugang, der ihrem Förderbedarf entspricht.

Konkrete Umsetzung:

  • Erstellen Sie für ein Arbeitsblatt zwei Versionen: eine kompakte, scaffolded Version mit klaren Schritten und eine offenere Version für schnellere Lernende.
  • Nutzen Sie einfache Tools wie BookCreator oder Audioaufnahmen mit dem Tablet, damit Kinder mündlich antworten können, wenn Schreiben schwierig ist.
  • Vorteil: Schüler bleiben im Thema, statt durch ein einheitliches Format blockiert zu werden.

    Stationen- oder Lerninseln mit klaren Rollen

    Stationenarbeit ist ideal für heterogene Lerngruppen. Entscheidend ist, dass jede Station einen klaren Auftrag, ein Zeitlimit und eine Unterstützungsoption hat (z. B. Hilfekarte oder QR-Code zu einer Videoerklärung).

  • Rollen verteilen: Moderator/in, Zeitwächter/in, Protokollant/in — Rollen geben Struktur und reduzieren Unsicherheit.
  • Hilfekarten: Kurze Anleitungen in einfacher Sprache oder Piktogrammen, die Schritt für Schritt erklären, was zu tun ist.
  • Einfaches Beispiel: Mathe-Stationen zu Brüchen. Station 1: Manipulative (Plättchen). Station 2: Aufgaben mit visuellen Darstellungen. Station 3: Online-Übung (z. B. Lernplattformen wie LearningApps).

    Adaptierte Arbeitszeit und Checkpoints

    Zeitdruck ist für viele Schülerinnen und Schüler ein echtes Hindernis. Ich arbeite oft mit offenen Deadlines pro Phase und setze kleine Checkpoints, an denen die Lernenden Feedback bekommen.

  • Chunking: Aufgaben in 10–15-Minuten-Abschnitte unterteilen.
  • Checkpoint-Rituale: Nach jedem Abschnitt kurze Rückmeldung (3 Pluspunkte / 1 Tipp) — das hilft, die Motivation konstant zu halten.
  • Praktisch: Auf dem Arbeitsblatt markiere ich die Abschnitte mit Stoppuhr-Icons — das signalisiert klar: "Sie haben Zeit für diesen Teil".

    Hilfsmittel sichtbar und zugänglich machen

    Kleine Hilfsmittel erleichtern das Lernen enorm. Ich habe in meinem Klassenzimmer immer eine Ecke mit unterstützenden Materialien: Wörterliste, Formelsammlung, Bildwortschatz, Vorlagen für Aufsätze, lineare Hilfen (z. B. Leselineal), Noise-Cancelling-Kopfhörer für laute Situationen.

  • Digitale Vorlagen: Google Docs oder OneNote mit vorgefertigten Textbausteinen erleichtern Schreibaufgaben.
  • Physische Hilfen: Wortkarten, Rechenrahmen oder Piktogramm-Stapel für Sozialkompetenzen.
  • Tipp: Markieren Sie Hilfsmittel farblich nach Zweck (z. B. grün = Leseförderung, blau = Mathe), damit die Lernenden schnell das passende Material finden.

    Differenzierte Lernziele und Bewertungsrubriken

    Eine klare Zielstruktur mit unterschiedlichen Anspruchsniveaus hilft bei einer fairen Beurteilung. Ich formuliere für eine Aufgabe drei Lernziele: Basis, Standard und Erweitert. Die Bewertungsrubrik mache ich transparent und bespreche sie mit der Klasse.

  • Beispiel Rubrik für einen Text: Basis = kurzer, verständlicher Text; Standard = strukturierter Text mit Einleitung; Erweitert = Text mit Argumentation und Belegen.
  • Formative Bewertung: Kurze Lernziel-Checks unterwegs (z. B. Smiley-Skala: Ich verstehe / fast / brauche Hilfe).
  • So verhindern Sie, dass Schülerinnen und Schüler mit Förderbedarf ständig an denselben, niedrigeren Ansprüchen gemessen werden — sie sehen Entwicklungsmöglichkeiten.

    Gezielte Unterstützung durch Peers und differenzierte Instruktion

    Peer-Learning ist stark unterschätzt. Inklusion profitiert davon, wenn Lernende gegenseitig unterstützen — nicht als Ersatz für professionelle Förderung, sondern als ergänzendes Element.

  • Buddy-System: Lernpartner, die bestimmte Aufgaben gemeinsam lösen. Wichtig ist, dass Paare rotieren und nicht dauerhaft gleich bleiben.
  • Scaffolding durch Lehrkraft: Kurze Mini-Inputs (3–5 Minuten) für Kleingruppen, die spezifische Schwierigkeiten haben.
  • Ich plane oft "Quick-Teach"-Momente: Während die Mehrheit selbstständig arbeitet, gebe ich einer kleinen Gruppe gezielte Erklärungen — das braucht wenig Zeit, bringt aber grosse Fortschritte.

    Praktische Checkliste für die nächste Stunde

    Vor der Stunde In der Stunde
  • Arbeitsmaterial in drei Niveaus vorbereiten
  • Hilfsmittel sichtbar platzieren
  • Checkpoint-Zeiten einplanen
  • Aufgabenformate anbieten (visuell/schriftlich/mündlich)
  • Stationen mit klaren Rollen starten
  • Mini-Teach für eine kleine Gruppe einbauen
  • Wenn Sie diese sechs Anpassungen Schritt für Schritt umsetzen, merken Sie schnell: Inklusion wird handhabbar und trägt zu einem ruhigeren, motivierteren Unterricht bei. Gerne teile ich auf Unterrichtsideen konkrete Arbeitsblätter, Vorlagen für Hilfekarten und Rubriken, die ich im Alltag nutze — schreiben Sie mir, wenn Sie Materialwünsche haben oder eine Vorlage direkt herunterladen möchten.