In meinem Unterricht begegne ich immer wieder Schülerinnen, die auf Sinnesreize stärker reagieren als ihre Mitschülerinnen. Diese sensorische Überempfindlichkeit zeigt sich in verschiedenen Formen: laute Geräusche, grelles Licht, Gerüche, Berührungen oder auch multi-sensorische Überforderung beim gleichzeitigen Verarbeiten von visuellen und akustischen Reizen. Häufig merken die Kinder selbst nicht, wie sich ihre Anspannung auf ihr Verhalten auswirkt — oder sie können nicht verbal ausdrücken, dass etwas zu viel wird. Deshalb sind stille Signale und adaptive Routinen für mich wertvolle Werkzeuge, um inklusiv und sensibel zu unterrichten.
Warum stille Signale wichtig sind
Stille Signale sind nonverbale Zeichen, die Schülerinnen nutzen können, um mir ohne Unterbrechung oder Aufmerksamkeit der ganzen Klasse mitzuteilen, dass sie Unterstützung brauchen. Für Kinder mit sensorischer Überempfindlichkeit sind sie besonders wichtig, weil:
Ich habe erlebt, dass ein klar vereinbartes Zeichen — sei es eine Karte, ein Diskret-Knopf oder ein Blick zur ruhigen Ecke — Schülerinnen ermöglicht, eigenständig und souverän ihren Lernalltag zu regulieren.
Praktische stille Signale: Beispiele aus meinem Klassenzimmer
Diese Signale habe ich mit Schülerinnen ausprobiert und angepasst:
Wichtig ist: Das Signal darf nicht negativ besetzt sein. Ich besprich es mit der Schülerin, der Klasse und – wenn möglich – mit den Eltern, so dass alle die Funktion verstehen.
Adaptive Routinen, die Überforderung vorbeugen
Routinen geben Struktur und machen den Alltag vorhersehbar — das reduziert sensorische Überraschungen. Folgende Routinen verwende ich:
Taktiken für akute Überforderung
Wenn eine Schülerin plötzlich überreizt reagiert, helfen mir diese Strategien, ohne große Aufmerksamkeit zu erzeugen:
Materialien und Hilfsmittel — meine Empfehlungen
Ich nutze in der Praxis folgende Tools (keine Werbung, sondern aus Erfahrung):
Wichtig ist, dass die Materialien Teil des Alltags sind und nicht nur bei Problemen herausgeholt werden — so bleiben sie normalisiert und entstigmatisierend.
Einfaches Beobachtungsraster für Lehrerinnen
Um stille Signale sinnvoll zu nutzen, ist es hilfreich, Beobachtungen zu dokumentieren. Hier ein kleines Raster, das ich im Lehrerinnenordner habe:
| Beobachtung | Beispiel | Mögliche Reaktion |
|---|---|---|
| Vermehrtes Fingerspielen, Unruhe | Kind trommelt mit Fingern | Fidget-Tool anbieten; ruhige Aufgabe |
| Vermeidung von Gruppenarbeit | Kind bleibt oft allein am Tisch | Angebot eines ruhigen Co-Workers; Raumplatz tauschen |
| Signal-Karte gelb/rot | Karte sichtbar auf Tisch | leiser Wechsel der Aufgabe; kurzer Check-in |
Kommunikation mit Eltern und Fachpersonen
Bei sensorischer Überempfindlichkeit arbeite ich eng mit Eltern, Schulpsychologinnen oder Ergotherapeutinnen zusammen. Wichtig ist mir:
Das stärkt die Kontinuität und erhöht die Wirksamkeit der Routinen.
Reflexionsfragen für die eigene Praxis
Zum Schluss teile ich ein paar Fragen, die ich mir regelmäßig stelle, damit meine Maßnahmen nicht starr werden:
Diese Fragen helfen mir, flexibel zu bleiben und die Schülerin zentriert zu denken — nicht die Störung.